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Ein offener Brief an Max Eberl

Ein offener Brief an Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach

Lieber Max Eberl,

in den Zeitungen habe ich Ihre Aussage gelesen, Roberts Tod sei damals für alle ein großer Schock gewesen, er sei „aber nicht so nachhaltig in den Gedanken geblieben, dass er heute noch als warnendes Beispiel gilt“. Ich war gerührt, auf diese Weise zu erfahren, dass Sie Robert noch immer in Erinnerung halten. Überrascht war ich allerdings von Ihrer Meinung, es sei seit dem Tod meines Mannes vor neun Jahren nachhaltig wenig im Kampf gegen seelisches Leiden geschehen. Ich habe da einen ganz anderen Eindruck. In aller Sachlichkeit und mit größtmöglichem Respekt möchte ich Ihnen deshalb widersprechen.

Allein in diesem Jahr haben Weltstars wie Andrés Iniesta, Serena Williams, der englische Fußballnationalspieler Danny Rose oder die NBA-Stars Kevin Love und DeMar DeRozan offen über ihre Depressionen oder andere psychische Belastungen berichtet. Und sie alle haben ihre Karriere nach der Erkrankung ganz selbstverständlich fortgesetzt. Das zeigt mir, dass wir mittlerweile im Sport wie in der Gesellschaft ein höheres Verständnis für seelische Krankheiten haben: Es wird verstanden, dass Depressionen kein Stigma sind, sondern eine in den allermeisten Fälle vorübergehende, heilbare Krankheit. Menschen brechen sich den Arm, Menschen erleiden Depressionen; Sportler erleiden Kreuzbandrisse, Sportler erleben Panikattacken – psychische Krankheiten gehören zu unserem Leben wie körperliche Verletzungen. Wie sensibel, aber auch kenntnisreich über die Depressionen von Iniesta oder Rose in den Medien berichtet wurde, ist ein weiteres Indiz, dass der Umgang mit seelischem Leiden besser, normaler wird.

Denn welch ein Kontrast war es, als wir vor 15 Jahren mit Roberts erster tiefergehender Depression zu kämpfen hatten: Wir litten unter dem schrecklichen Gefühl, Roberts Krankheit verheimlichen zu müssen – einem Torwart mit Depressionen würde doch kein Verein mehr vertrauen.

Inzwischen gibt es andere Beispiele wie jenen Iniesta, der noch 2009 unter Depressionen litt, und nur ein Jahr später sein Land zur Weltmeisterschaft in Südafrika schoss.

Robert dagegen wusste damals nicht einmal, wohin: Es gab im Sport keinerlei professionelle Hilfe für psychische Erkrankungen. Auch hier hat sich so viel geändert: Wir haben in Deutschland ein Netzwerk von mehr als 70 Sportpsychiatern aufgebaut, mit telefonischen Beratungshotline und der Enke-App als Informationsquellen. So können Sportler heute über die Robert-Enke-Stiftung sofort den Weg zu kompetenten Fachärzten finden. Um Ihnen ein alltägliches Beispiel zu geben: Vor wenigen Wochen klagte ein Jugend-Bundesligafußballer über anhaltende Erschöpfung und Gefühllosigkeit, und als im Gespräch mit dem Sportpsychologen seines Vereins der Verdacht einer Depression im Raum stand, kontaktierten sie die Stiftung. Innerhalb eines Tages hatte der Jugendliche einen Termin bei einem Sportpsychiater in seiner Stadt.

Einen Psychologen muss übrigens mittlerweile jedes Nachwuchsleistungszentrum auf Bestreben unserer Stiftung hin beschäftigen. Man kann immer darüber debattierten, ob der eine oder andere Psychologe ausschließlich die Leistungsoptimierung im Blick hat und nicht das seelische Gleichgewicht der Sportler. Aber grundsätzlich zeigt es, wie viel ernster die psychische Gesundheit heute genommen wird. Prince William, der sich als Ehrenpräsident des englischen Fußball-Verbandes engagiert, suchte bei seinem Deutschland-Besuch im vorigen Jahr den Kontakt zur Robert-Enke-Stiftung, weil er erfahren hatte, was wir alles im Kampf gegen psychisches Leiden unternehmen.

Zum Beispiel besucht Martin Amedick, der als Kapitän beim 1. FC Kaiserslautern selbst einmal unter einer Depression litt, für uns die Nachwuchsleistungszentren des deutschen Fußballs, um Spielern und Betreuern anschaulich zu erklären, was seelische Krankheiten überhaupt sind und was man dagegen tut. Bei seinen Gesprächen merkt Martin immer wieder, wie kompetent manche Macher im Fußball mittlerweile auf dem Gebiet sind, etwa die NLZ-Leitung des FC Augsburg. Bei anderen ergibt sich erstmals ein Verständnis und Nachdenken über seelische Krankheiten. Weit über 20 Vereine haben Martin Amedick mittlerweile zu sich gebeten, Klubs wie Bayern München, TSG Hoffenheim, VfB Stuttgart, aber auch kleinere Vereine wie Kickers Offenbach. Borussia Mönchengladbach war bislang nicht darunter. Ich sage das weiterhin mit aller Sachlichkeit und größtmöglichem Respekt. Aber es gibt Möglichkeiten, auch selbst dafür einzutreten, dass „Robert nachhaltig in Gedanken bleibt“.

Herzliche Grüße

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vor einigen Jahren litt ich an einer schweren Depression, die ich dank ärztlicher Hilfe überwunden habe. Dankbar bin ich jeden Tag über die neu gewonnene Lebenslust!
    Der Tod von Robert Enke hat mich sehr erschüttert und ich freue mich nun, daß
    Teresa Enke durch ihre Arbeit vielen
    Menschen helfen und Mut machen kann!

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  2. Liebe Frau Teresa Enke,

    Mein Vater Alfred Stüdemann , geb. 29.5.1924
    hat sich am 4.8.1978 erhängt..

    Meine Mutter hatte mich morgens ca. 4.45 Uhr geweckt.
    Ich war damals 16 Jahre alt.

    Um ca. 5.15 Uhr habe ich ihn gefunden.
    Meine Mutter hat den Strick gelöst und
    ihren Ehemann runter gelassen….
    ..die Kripo kam .. und hat den Todeszeitpunkt 3.00 Uhr festgestellt..

    Mein Vater war 1942 von den deutschen Hitler Faschisten
    als Soldat an die russische Front geschickt worden.. als Kanonenfutter..
    ..er kehrte ausgemergelt aus russischer Gefangenschaft zurück

    . ..gründete eine Familie..
    seine 1. Ehefrau starb 1961 ..3 Tage nach einer Gallen OP ..mit 30 Jahren..
    sie wäre meine Tante gewesen..
    sie war die ältere Schwester meiner Mutter..

    Kathi Stüdemann hinterlies 2 Kinder
    die damals 8 und 6. Jahre alt waren..

    und meine Mutter als Tante kannten
    sie aber als Mutter nie akzeptieren wollten oder konnten
    sie wollten ihre Mutter zurück haben..

    es gab viel Streit zwischen meiner Mutter
    und den Kindern..
    der meinen Vater belastet hat

    mein Vater hat von 1976-1978
    ein Haus gebaut in Gross Wokern bei Teterow
    für meine Familie
    mit unserer Hilfe
    mit
    Hilfe von Verwandschaft ,
    Freunden und Bekannten..

    als das Haus fertig war
    war er innerlich ausgebrannt
    depressiv…

    Die Psychopharmaka die er damals vom Arzt bekam
    haben keine Hilfe gebracht ..
    und ihn wohl zusätzlich verwirrt

    auch heute haben Psychopharmaka wenn sie missbräuchlich angewandt werden
    schwere Nebenwirkungen

    Auf der Beerdigung meiner Grossmutter Mathilde Mannes am 3. August 1978 in der Friedhofskapelle Klein Roge
    drehte sich mein Vater zu mir um und sah mich an wie ein hilfloses Kind…
    ..am nächsten Morgen war er tot.

    Die LPG Pflanzenproduktion Gross Roge,
    der Betrieb in dem mein Vater 30 Jahre gearbeitet hatte
    hat unser Bauerngehöft
    das wir nach dem Tod meines Vaters zurückgelassen haben
    kostenlos beräumt.

    Damals in der DDR
    gab es Verständnis und
    Hilfe …..

    Ich bin in der BRD
    Opfer von staatlichen Richtern , Amtsärzten
    Gerichtsgutachtern u.a. geworden
    die auch von mir behauptet haben
    das ich psychisch krank
    manisch oder depressiv sei
    gefährlich für mich und Andere ..
    und nich in der Lage mein Leben selbst zu gestalten ..ich war zwischenzeitlich sogar entmündigt worden..weil der Staat BRD behauptet hat ..ich sei psyvhisch krank
    ..wie mein Vater.. der ein fleissiger ehrlicher Mensch war.. im Gegensatz zu den Leuten .die mich im Auftrag der BRD seit 16 Jahren verunglimpfen..

    Jörg Stüdemann , geboren 9.7.1962 in Teterow

    Telefon und Whats App
    01525 7120 122

    Antworten

  3. Liebe Fr. Enke,
    als sich ihr Mann damals das Leben genomme hatte, war ich ,wie viele andere auch, total geschockt. Als dann noch bekannt wurde, dass Robert unter Depressionen zu leiden hatte, wurde mir bewusst, welche Konsequenzen diese Depressionen haben können. Erst da habe ich mich ernsthaft um einen Therapieplatz bemüht.
    Seit 9 Jahren bin ich jetzt in Behandlung.
    Ich habe riesen Respekt vor Ihrer Leistung. Ohne Sie, wären wir in Deutschland in dieser Frage, immer noch in der Steinzeit. Bitte machen Sie weiter. Gerade bei nicht Prominenten gibt es noch viel zu tun . Aufklärung ist schon so viel wert.
    Dankbar bin ich , dass ich einer von 49000 Zuschauer war, die Ihren Mann, bei seinem letzten Spiel gegen den Hamburger SV, live im Stadion gesehen hat.
    Liebe Frau Enke. Ich wünsche Ihnen in der Zukunft weiter viel Kraft, viel Erfolg bei Ihrer Stiftung, und vor allem, viel Gesundheit.
    Mit lieben Grüßen
    Harry aus Hannover

    Antworten

  4. Es wird immer noch zu wenig getan. Ich bin selbst durch ein Familienmitglied davon betroffen. Man wird eigentlich von den meisten allein gelassen.

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  5. Liebe Teresa,

    Ich würde hinzufügen, dass seit diesem Tag nicht nur im Sport sich was geändert hat. Es hat sich im vielen großen Konzerne, wo viele Mitarbeiter auch an diese Krankheit leiden geändert. Damals habe ich den Mut bekommen und offen damit umgegangen. Mein Chef hat mich unterstützt und es war eine Erleichterung. Es wurde speziellen „Abteilungen“ eingerichtet, wo man offen oder anonym Hilfe suchen könnte.

    Ich sehe auch, dass sich sehr viel verändert hat. Auch wenn das nur bei einzelnen Personen!

    Ich bin sehr dankbar für Ihre Arbeit, auch wenn eine traurige Geschichte dahinter steckt. Aber wie so oft in Deutschland, es muss was geschehen, damit sich was verändert.

    Vielen Dank für alles und viel Kraft, um diese tolle Leistung fortzusetzen.

    Alles Gute
    Maria de Santana

    Antworten

  6. Liebe Teresa,
    Gut, sehr gut, dass und in welcher Form Sie Herrn Eberl widersprochen haben. Und ebenfalls sehr gut, dass Sie in Ihrem Brief die vielen Fortschritte detailliert beschreiben, die in der Gesellschaft seit der Erkrankung und dem Tod Ihres Mannes doch schon vollzogen werden konnten. Auch wenn noch viel zu tun bleibt, freut man sich über solche Fortschritte, so oft wie die allgemeine Stimmung einen bisweilen glauben machen will, es gehe alles seinen Weg nur noch retour.
    Sicher bleibt noch viel zu tun. Sober Ihr Engagement und Ihre Stiftung tun dafür ganz Erhebliches.
    Ich habe sehr grossen Respekt vor Ihnen und Ihrer Arbeit, wie ich es auch immer für Ihren Mann verspürt habe. Leider sind wir uns nie begegnet, obwohl wir nahe beieinander gelebt haben, Sie in Sant Cugat und ich in Valldoreix. Nun nach dreissig Jahren unten im Süden lebe ich seit zwei Jahren wieder in Bremen.
    Mit grosser Hochachtung,
    Ihr
    Guenter g. Rodewald

    Antworten

  7. Liebe Frau Enke,
    ich möchte Ihnen meinen allergrößten Respekt aussprechen, was Sie alles auf die Beine gestellt haben.
    Mit Ihrem Brief an Herrn Eberl haben Sie aufgeführt, was sich alles geändert hat und ich hoffe, dass Herr Eberl nachdenkt und vor allem handelt.
    Ich selbst habe eine gute Freundin im Kampf gegen Depressionen verloren. Leider gab es damals (1998) noch keine solche Aufklärung über die Krankheit wie heute. Das Schicksal Ihres Mannes erschüttert mich bis heute und als Fußball -Fan bin ich froh, dass Sie in diesem Umfeld so viel Unterstützung geben. Bitte machen Sie weiter so!
    Mit freundlichen Grüßen
    Anja Viethen
    P.S.: Robert ist unvergessen

    Antworten

  8. Alles gesagt, mit warmen Worten. Danke.
    Ich denke sehr oft an Robert, als Fußballfan und Betroffener. Seit Jahren auf einem guten Weg.

    Herzlich

    Bernhard Peters

    Antworten

  9. Robert bleibt im Gedächtnis. Seine Taten, wie auch sein schwerer Weg & das nicht nur in Hannover.
    Ihr Brief Frau Enke trifft es perfekt.
    Ich hoffe inständig, das auch Mönchengladbach (in Person von Herrn Eberl) sich bald näher damit auseinandersetzt.
    #gedENKEn und handeln

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