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Wie Robert Enke sein Graecum und Latinum verlor

Abiturzeugnis

Warum ich mir viele Besucher für die Ausstellung „Robert gedENKEn“ wünsche – und warum ich nun hier blogge

Als ich kürzlich Kisten mit Fotos, Briefen, Zeitungsartikeln und anderen Dokumenten aus meinem Leben mit Robert durchsah, vergaß ich immer wieder, warum ich das eigentlich tat. Ich wollte Exponate für die Ausstellung zu Roberts fünftem Todestag im Landesmuseum Hannover finden. Aber immer wieder blieb ich bei diesem oder jenen Foto hängen, die Erinnerung wurde wach, und ich musste mich Minuten später selbst losreißen: Halt, es geht ja um Material für die Ausstellung!

Vom 7. bis 11. November soll in der Ausstellung „Robert gedENKEn. Unser Freund und Torwart“ in Hannover an Robert erinnert und gleichzeitig über Depressionen, die Krankheit, an der er litt, aufgeklärt werden. Die Ausstellung wird auch virtuell im Internet zu sehen sein.

In den ersten Jahren nach dem Tod meines Mannes war es sehr schwierig für mich, mit dem öffentlichen Interesse an seinem Schicksal umzugehen. Trauer braucht auch eine Privatsphäre. Andererseits schlummerte in mir sehr wohl der Gedanke, dass es wichtig ist, über Roberts Geschichte zu sprechen, damit den vielen Menschen, die heute an der Krankheit leiden, besser geholfen werden kann als damals Robert.

Mit den Jahren nahm ich es als meine Aufgabe an, über die Robert-Enke-Stiftung öffentlich für eine bessere Hilfe bei mentalen Krankheiten zu kämpfen. Deshalb begrüße ich öffentliche Aktionen wie die Museumsausstellung und deshalb habe ich mich auch entschieden, diesen Blog zu starten, um möglichst viele Leute darüber zu informieren, was wir tun, was getan werden muss im Kampf gegen Depressionen, gerade im Leistungssport. Ich verbinde mit öffentlichen Auftritten wie der Ausstellung aber auch einen Wunsch, den vermutlich alle kennen, die einen geliebten Menschen verloren haben: Ich möchte, dass etwas von Robert bleibt.

Als ich die Fotos in den Kisten durchsah, fiel mir auf, wie Roberts Augen in unserer Zeit in Lissabon leuchteten, genauso wie auf allen Bildern, auf denen er mit unserer ersten Tochter Lara zu sehen ist. Es ist immer noch ein Trugschluss von vielen Menschen zu glauben, Depressive litten das ganze Leben an ihrem schweren Herzen und düsteren Gedanken. Die meisten Depressiven werden nur in bestimmten Phasen von der Krankheit heimgesucht, und für die allermeisten gibt es Hilfe, die Krankheit zu meistern. Wie so viele wussten Robert und ich damals allerdings nicht, wohin mit unseren Sorgen. Über Depressionen sprach man doch nicht. So mussten wir quasi als Autodidakten im Verborgenen nach Hilfe suchen. Deshalb bin ich bei allem, was die Robert-Enke-Stiftung in den fünf Jahren nach seinem Tod geleistet hat, auf die Beratungshotline besonders stolz.

In Zusammenarbeit mit der Uniklinik Aachen haben wir einen Telefonservice ins Leben gerufen, bei dem fachkundige Psychiater den unter mentalen Problemen leidenden Anrufern erste Beratung gewähren und sie gegebenenfalls zur Behandlung in ihrer Nähe weiterleiten. Solch eine Hilfe hätte Robert und mir damals viele Umwege, viele verzweifelte Momente ersparen können. Momentan ist die Hotline wochentags jeweils drei Stunden besetzt. Das zeigt, dass wir etwas begonnen haben. Es zeigt aber auch, dass wir noch lange nicht am Ziel sind: Ich wünsche mir, dass irgendwann – bald – die Kapazitäten und die Finanzen vorhanden sind, das Telefon rund um die Uhr zu besetzen.

Ich vergaß die Uhrzeit, während ich in den Kisten mit unseren Erinnerungsstücken wühlte. Bei manchem Fund wurde ich nicht nur melancholisch, sondern konnte und musste in der Erinnerung auch wieder frei lächeln. Etwa, als ich plötzlich Roberts Abitur-Zeugnis in den Händen hielt. Das Zeugnis des Sportgymnasiums Jena bestätigte, Robert Enke habe das Graecum und das Latinum erlangt. Tatsächlich hatte Robert weder Latein- noch Alt-Griechisch-Unterricht gehabt. „Du weißt doch nicht einmal, was das Graecum ist!“, rief ich aus. „Wenn im Zeugnis steht, dass ich es habe, dann hat das schon seine Richtigkeit“, sagt er nur mit seiner gespielten Ruhe, die er immer besonders gerne aufsetzte, wenn ich mich aufregte.

Doch leider hatte Roberts Mutter etwas dagegen, dass ihr Sohn später als der Profifußballer mit Graecum und Latinum gefeiert wurde. Sie war Schulreferentin in Jena und konnte es sich nicht erlauben, dass ihr Sohn ein – warum auch immer – geschöntes Zeugnis erhielt. Wenn das raus kam … Roberts Mutter meldete den Fehler dem Schulamt, und das Graecum und Latinum wurden Robert mit einem schnöden Filzstift-Strich wieder aus dem Zeugnis gestrichen.

Das Zeugnis zeigen wir auch in der Ausstellung im Landesmuseum. Wir wollen auch daran erinnern, dass es im Leben eines Depressiven viele heitere Seiten gab. Ich wünsche mir, dass deshalb möglichst viele Menschen die Ausstellung unvoreingenommen besuchen. Sie werden dann auch erfahren, welche Auswirkungen Roberts falsches Abiturzeugnis hatte: Alle Abiturienten des Sportgymnasiums mussten ihr Zeugnis noch einmal abgeben, damit sie auf ähnliche Fehler untersucht werden konnten.

Wer keine Gelegenheit findet, die Ausstellung Robert gedENKEn im Landesmuseum Hannover zu besuchen, kann sie ab dem 7. November um 9 Uhr auch virtuell im Internet anschauen unter:
http://gedENKEn.robert-enke-stiftung.de/

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frau Enke,
    leider habe ich erst heute von der Ausstellung über Ihren geliebten Robert gelesen und kann aus beruflichen Gründen angesichts der Kürze der Zeit nicht nach Hannover kommen. Allerdings besuche ich jedes Jahr bei der Fahrt in den Sommerurlaub sein Grab und habe dort bereits in einem für Sie bestimmten Schreiben meine Betroffenheit bekundet.

    Die Offenheit in Ihrem Buch war sehr, sehr mutig und hat zumindest bei mir innerlich recht viel bewegt. Ganz herzlichen Dank für diesen sicher nicht gerade leichten Schritt.

    Gerne hätte ich zu Ihnen einmal Kontakt aufgenommen, meine Anfragen blieben bisher jedoch unbeantwortet. Natürlich verstehe ich Ihren Schmerz, der bei diesem Thema nicht ausbleiben kann, aber vielleicht erhalte ich irgendwann einmal eine Nachricht. Es gibt Dinge, die ich als Fußball-Fan und Kenner der Materie, hier nicht offen ansprechen kann. Denn damit wäre der Sache sicherlich nicht gedient.

    Alles Gute für Sie, Ihre Tochter und Ihre Tiere.

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  2. Sehr geehrte Frau Enke,

    Ich bewundere sie und verneige mich vor Ihnen zu tiefst.
    Robert Enke war und bleibt für mich ein wunderbarer Mensch, auch wenn ich Ihn nie persönlich treffen konnte. Ich bin seid langem schon Hannover 96-Fan und jedes Mal als ich ihren Mann im Tor sehen durfte, war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Als ich damals von seinem Tod erfuhr, war ich 10 Jahre alt und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Auch heute fällt es mir noch schwer. Robert Enke war für mich immer eine Person zu der ich hinauf schauen konnte. Ich habe mich nie wirklich mit Depressionen auseinander gesetzt und war damals auch noch zu Jung dafür, doch heute verstehe ich nach und nach, was Menschen und auch ihren Mann dazu bewegt hat einen Ausweg aus den Depressionen zu suchen. Es ist nicht einfach damit um zugehen und ehrlich gesagt wüsste ich nicht, wie ich als berühmte Person wie Sie und ihr Mann damit umgehen sollte. Sie haben meinen größten Respekt!
    Gestern erst habe ich die Ausstellung im Landesmuseum besucht. Für mich persönlich war es schwer die persönlichen Gegenstände Robert Enkes zu sehen und zu lesen, doch es ist schön diese Erinnerungen an ihren Mann gezeugt zu bekommen. Dafür danke ich ihnen von ganzen Herzen! Ihre Arbeit verdient die größte Anerkennung überhaupt. Wir beschäftigen uns täglich mit Problemen, die eigentlich überhaupt keine schwere besitzen. Wir vergessen Menschen, die uns mal nahe waren. Wir verdrängen Erlebnisse und müssen dennoch mit unserer Geschichte leben. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass sie sich darum bemühen, dass ihr Mann niemals in Vergessenheit gerät! Und ich bin mir sicher, dass Ihnen das auch jede Minute gelingt. Danke!
    Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass Robert immer in meinem Herzen ist und ich ihn nie vergessen werde. Er war und bleibt ein Teil von Hannover 96 und der Fußballgeschichte.

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  3. Hallo Frau Enke,
    ich finde die Arbeit der Robert Enke Stiftung wirklich gut.
    Dann hoffe ich das Sie die kommenden Tage als Motivation sehen und Ihr leben weiterhin
    meistern. Alles Gute für Sie und Ihre Stiftung.

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  4. Liebe Teresa Enke,
    ich freue mich sehr auf die Ausstellung ROBERT GEDENKEN und werde sie in jedem Fall besuchen.
    Dir weiterhin ganz viel Kraft, besonders in den kommenden Tagen, aber auch für deine unglaublich wichtige Arbeit in der Robert Enke Stiftung im Kampf gegen Depressionen.

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  5. Ich finde eure Arbeit so toll. Ich leide selber seit Jahren an Depressionen, bin aber selber zu dieser Erkenntnis erst im letzten Jahr gelangt. Habe jahrelang nicht gewusst, was mit mir los ist. Ich bewundere Ihre Arbeit. Macht weiter so.

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  6. Ich bin immer wieder tief berührt, wie stark du bist, nach all dem Traurigen, doch die Sonne zu sehen und Kraft aus den schönen Momenten zu ziehen.
    Dafür, und auch für den Einsatz für diese bisher gern totgeschwiegene Erkrankung, meinen vollen Respekt.

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  7. Liebe Frau Enke,

    Ich bewundere Ihre Stärke. Leider gibt es viele Erkrankungen, die einfach unter den Tisch gekehrt werden und gar nicht ausgesprochen werden. Oft ist es noch so, dass das Wort Depression in den Mund genommen wird. Ihre Arbeit und Ihren Einsatz schätze ich sehr, denn mit Ihrem Engagement helfen Sie vielen verzweifelten Menschen hierzulande. Machen Sie weiter so! Vielen Dank! Leider kann ich die Ausstellung nicht vor Ort sehen. Herzliche Grüße

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    • Fehlerteufel! Soll heißen: … Depression nicht in den Mund…

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  8. Ich werde die Ausstellung als 96 Fan aber auch als Mensch mit Depressionen besuchen!Auch meine Freundinn hat sich das Leben wie Robert genommen,und ich bin nun auch Alleinerziehend!Es ist immerwieder schön auf der Seite der Robert Enke Stiftung vorbei zu schauen,und Erfahrungen aber auch Informationen zu Veranstaltungen usw zu Lesen!
    Meinen aller größten Respekt vor Ihnen Frau Enke! Und vielen Dank dass Sie so viel Versuchen um gegen die Krankheit Depression an zu kämpfen,und so viel darüber auf zu klären!
    Robert ist auch immer in unserem Herzen,im Herzen der 96 Fans und auch bei vielen anderen!

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  9. Ich kann nur sagen wie Dankbar ich Ihnen bin. Ich bin selbst an Depressionen und Borderline erkrankt und bin froh das Sie das Thema nie in Vergessenheit geraten lassen. Ich werde mir die Ausstellung auf jeden Fall ansehen. Nochmal Danke für alles

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  10. Herzlichen Dank für die gute Aufklärung , auch ich freue mich über die virtuelle Ausstellung !
    Danke Teresa für die Kraft die du immer wieder aufbringst!!!

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  11. Liebe Teresa, ich denke sehr oft an Sie und an Robert. Auch kann ich gar nicht glauben, dass seit seinem Tod bereits fünf Jahre vergangen sind. Ich selbst litt viele Jahre an Depressionen und so kann ich vielleicht besonders stark nachempfinden, wie es in Robert ausgesehen haben könnte.
    Als vor vier Jahren die Biografie erschien, kamen mir während des Lesens oft die Tränen. Aber es waren auch so viele schöne Momente dabei, die mich zum Lächeln brachten.
    Ich habe Robert leider nie persönlich kennen lernen dürfen, aber trotzdem werde ich ihn nicht vergessen!
    Teresa, Ihr Engagement und die Arbeit der Stiftung sind so wichtig. Wie sie mit den Schicksalsschlägen umgehen, das gibt auch anderen Menschen Kraft.
    Und Sie zeigen, dass das Leben weitergeht, auch wenn es immer wieder dunkle Momente gibt.
    Ich möchte Ihnen noch so viel mehr sagen, aber mir fehlen die passenden Worte. Seien Sie sich gewiss: ich danke Ihnen.

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    • Hallo Carolin,
      das haben sie sehr schön geschrieben… Auch ich hatte oder sagt man habe Depressionen und auch ich kannte Robert nicht persönlich, aber ich muß auch oft an ihn und seine Familie denken…

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  12. Ich würde unheimlich gerne zur Ausstellung kommen. Zum einen wegen Roberts Andenken aber vor allem weil ich auch unter Depressionen leide. Kurz nach Roberts Tod wurde das festgestellt. Ich bin durch dieses Suizid „wachgerüttelt“.

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  13. Sehr geehrte Frau Enke, ich bin von Ihrer Arbeit in der Stiftung sehr berührt. Und kann als selbst betroffene Person von der Krankheit nur sagen das ich Ihnen wirklich in jedem Punkt zustimmen. In schweren Zeiten ist es wichtig Freunde zu haben die einen in dieser schweren Zeit bestehen. Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft .

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  14. Ich persönlich kann leider auch nicht in Hannover mir die Ausstellung anschauen , ich finde es aber richtig klasse das man sich die Ausstellung via Internet anschauen kann.
    Der Blog Eintrag ist schön geworden freu mich echt wenn es jetzt häufiger was zu leben gibt!

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  15. Liebe Teresa, mir fehlen oft noch immer die Worte und der Mut über meinen Mann und seinen Suizid zu sprechen, aber ich verfolge Deine Arbeit, die mir sehr gut bei der Verarbeitung hilft. Und eines Tages will ich dann auch, besser über das Thema Depressionen reden können und mir Muße für das Gedenken an die gemeinsame Zeit nehmen!!

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  16. Danke Teresa für deine wunderbare Arbeit und Art….hab deinen Blog. mit einem weinenden und lachenden Auge gelesen. Vielleicht sehen wir uns wieder wie voriges Jahr bei Robert. Lg

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  17. Ich finde die Arbeit der Stiftung großartig und werde mir die Ausstellung definitiv im Netz anschauen, da ich durch diesen – im Gegensatz zum Thema Depression- so unwichtigen Bahn Streik keine Chance haben werde, nach Hannover zu kommen.
    Weiter so und viel viel Erfolg weiterhin.
    Wenn man den Blog liest, merkt man, dass Robert Enkel in Teresas Herzen eine feste Stelle hat und die Erinnerungen dort gut aufbewahrt sind. DANKE für diese Offenheit und die Arbeit

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  18. Schade, dass die Ausstellung nur ein paar Tage zu sehen ist. Wäre gern persönlich vorbei gekommen. Trotzdem wird sie viele Menschen erreichen und etwas ändern. Danke für deine Beständigkeit liebe Teresa. Ich bin mir sicher, Robert ist sehr stolz auf dich!

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