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Portugiesisches Gedenken an Robert: Zu Besuch beim 3. Internationalen Torwartkongress in Porto

Vortrag Trainerkongress

Der Anblick von Dutzenden Männern in Trainingsanzügen brachte mich innerlich zum Lächeln. Ich war zu einem Kongress eingeladen, deshalb hatte ich instinktiv eher Männer in Hemd und Sakko erwartet. Aber ja, erinnerte ich mich dann lächelnd, so unkompliziert war Portugal – da ging man im Trainingsanzug in die Kongresshalle; wo doch das Thema der Tagung das Torwartspiel war.

Ich war vor einigen Tagen zum 3. Internationalen Torwart-Kongress in Porto eingeladen worden, um an der posthumen Hommage für Robert teilzunehmen. Und mindestens genauso wie über die offizielle Ehrung für meinen Mann freute ich mich über all die kleinen Beobachtungen wie die Trainingsanzüge im Kongresssaal. Sie erinnerten mich daran, warum Portugal für Robert die emotionale Heimat war. Ihm gefiel die Ungezwungenheit der Menschen in Lissabon, die Schönheit der einfachen Dinge in Portugal: der Blick auf das Meer, der Spaziergang ohne Jacke in der Frühlingssonne. In meiner Dankesrede auf dem Torwartkongress in Porto sagte ich: „Die drei Jahre bei Benfica Lissabon waren die besten in Roberts Fußballkarriere.“ Rein sportlich mag das diskutabel sein, als Kapitän von Hannover 96 wurde er später zum Nationaltorwart und auch menschlich fühlte er sich bei 96 zuhause. Aber unseren portugiesischen Jahren wohnte eine Unbefangenheit inne, die man vielleicht auch nur in jungen Jahren spüren kann. Wir waren damals Anfang 20. So hat es mich außerordentlich gefreut, dass man sich auch in Portugal an Robert erinnert, so wie wir uns immer an Portugal erinnert haben.

Soweit das in einer Dankesrede geht, habe ich versucht, den 120 Gästen in Porto Roberts Leiden an den Depressionen zu erklären sowie unsere Arbeit in der Robert-Enke-Stiftung im Kampf gegen die Krankheit zu schildern. So habe ich über den Praxisordner „Kein Stress mit dem Stress“ berichtet, den die Robert-Enke-Stiftung gemeinsam mit dem Bundesarbeitsministerium erstellt hat. Ich hatte den Eindruck, die Zuhörer waren beeindruckt und erstaunt, dass es so etwas gibt, ein praxisnaher Ordner mit Hinweisen und Erklärungen für alle Sportler, Trainer und Betreuer zur psychischen Komponente im Leistungssport: wie verhalte ich mich bei der Trainings- und Wettkampfbetreuung, in Konflikt- und Drucksituationen oder bei psychischen Erkrankungen. Die respektvolle Stille, mit der die portugiesischen Torwarttrainer diesen Schilderungen folgten, machte mir noch einmal deutlich, wie besonders der Praxisordner ist. Wer im Leistungssport arbeitet, kann ihn jederzeit bei der per E-Mail bei der Robert-Enke-Stiftung bestellen (info@robert-enke-stiftung.de).

Mein Vortrag über die psychischen Seiten des Leistungssports war nur ein Programmpunkt in Porto, nach mir kam dann schon wieder der Torwarttrainer von Panathinaikos Athen und zeigte in Videos, wie er die Neunjährigen trainiert, die Zwölfjährigen, die Vierzehnjährigen … Und so soll es auch sein: Psychische Schwierigkeiten und Erkrankungen brauchen nicht dramatisiert zu werden, sondern eine Aufklärung sollte ganz selbstverständlich in die Ausbildung der Trainer und Betreuer eingebaut werden.

Der stehende Applaus am Ende meiner Rede galt weniger mir, sondern drückte die Ergriffenheit aus, mit der die Zuhörer an Robert dachten. Ich war froh, wieder zwischen all den Männern in Trainingsanzügen Platz zu nehmen, lauschte dem Panathinaikos-Torwarttrainer und musste dabei an Roberts damaligen Torwarttrainer bei Benfica denken: Samir Shaker. Vor einem Spiel auf Madeira hatte Samir einen Eimer Wasser neben sich auf den Trainingsplatz gestellt und darin vor jedem Torschuss den Ball eingetaucht. „Was soll das jetzt wieder?“, hatte Robert gefragt. „Regen“, hatte Samir nur geantwortet. Auf Madeira regne es viel. Da wolle er einen nassen Ball imitieren. Auch diese Exzentrik haben wir an Portugal geliebt; na ja, Robert vielleicht nicht so sehr in jenem Moment.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Teresa,

    ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen und Ihrem unermüdlichen Engagement danken!

    Wieder möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Robert Enke evtl. hochsensibel gewesen sein könnte. Die folgenden Zeilen Ihres Artikels verstärken meinen Eindruck, immer wieder:
    „Sie erinnerten mich daran, warum Portugal für Robert die emotionale Heimat war. Ihm gefiel die Ungezwungenheit der Menschen in Lissabon, die Schönheit der einfachen Dinge in Portugal: der Blick auf das Meer, der Spaziergang ohne Jacke in der Frühlingssonne. “

    Wenn das Umfeld eines Hochsensiblen für ihn stimmt, dann fühlt sich dieser frei und ausgelassen – egal in welchem Alter er sein mag. Schauen Sie sich das Thema kurz an, vielleicht liefert es Ihnen eine Erklärung, warum Robert sich verhalten hat, wie er sich verhalten hat:
    http://www.hochsensibel.org/startseite/infotext.html

    Alles Liebe & Gute Ihnen,
    Julia

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  2. Er war ein toller Mensch und toller Torhüter.
    Wir werden ihn NIE vergessen.
    Ihr werdet immer zu uns gehören.
    SL Benfica ❤

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  3. Liebe Teresa,
    Sie sind für mich ein großes Vorbild. Mein Mann hat vor einigen Wochen aufgrund der gleichen Erkrankung wie die von Robert, den gleichen Weg gewählt. Nun bin ich mit meinem Kind allein und versuche mich mühsam ins Leben zurück zu kämpfen. Es ist für mich bewundernswert, wie Sie das alles geschafft haben. Noch kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder glücklich zu werden. Ihnen alles Gute!

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  4. Hallo Teresa

    Was mich immer und immer wieder sehr traurig stimmt, ist das die Menschen wirklich erst enger zusammenrücken, wenn sie bereits am Abgrund stehen.
    Das kann’s doch eigentlich nicht sein im Leben oder?

    Egal ob nun in der Liebe, unter Freunden, der Familie oder im Berufsleben, wir sollten endlich mehr auf einander acht geben und den anderen verstehen lernen.
    Sich zu verschließen und jedwede Hilfe von sich zu weisen, mit der Annahme man sei stark genug, um das alleine durchzustehen, ist einfach falsch.

    Natürlich hat nicht jeder diese Eigenschaften inne. Nicht jeder kann auf den anderen eingehen. Einigen fehlt es am ehrlichen Mitgefühl, andere sind taktlos oder egoistisch.
    Doch ein paar Menschen können das und genau die sind es, die unser Leben bereichern.
    Sie bringen uns zum Lachen und ja, manchmal auch zum Weinen.

    LG

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  5. Liebe Teresa,
    das kann ich mir gut vorstellen, daß Eure Zeit in Portugal zu den besten Zeiten in Eurem/Roberts Leben zählt, weil sich dort alles leichter und unbeschwerter anfühlte, was mit Sicherheit auch am Alter lag. Aber auch an der Herzlichkeit der Menschen und ihrer Liebe für ihn, denn ich erinnere mich auch noch gut an die Beschreibung Eurer Zeit dort im Buch von R.Reng, das mir beim Verstehen der ganzen Geschichte sehr geholfen hat.
    Meinen tiefen Respekt vor Deiner (ich hoffe, Du ist ok :)) unermüdlichen Arbeit und Deiner Kraft – Du hast wirklich das Herz einer Löwin und ich bin mir sicher, daß Du damit viel bewirken wirst.
    Liebe Grüße und alles Gute
    Heike

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