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Depressionen – let’s talk

Wie die meisten bringe ich gelegentlich Sprichwörter durcheinander, irgendwer hat zum Beispiel mal davon gesprochen, den Sand in den Kopf zu stecken, um nur einen herrlichen Versprecher zu nennen. Aber in diesem Fall zitiere ich die folgende berühmte Redewendung bewusst falsch: Nicht Schweigen, sondern Reden ist Gold. Wenn es um Depressionen geht.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den jährlichen Weltgesundheitstag an diesem Freitag unter das Motto „Depression – Let’s talk!“ gestellt. Es ist eine wichtige Erinnerung daran, dass Reden – also ein offener, natürlicher Umgang der Gesellschaft mit der Krankheit – der erste und vielleicht größte Schritt im Kampf gegen Depressionen ist.

Noch immer leiden viele seelisch Erkrankte unter der Angst, wegen ihres Leidens stigmatisiert zu werden. Ich habe es bei meinem verstorbenen Mann erlebt, der glaubte, seine Krankheit verstecken zu müssen. Deutschlands Nationaltorwart, dachte er, dürfe doch nicht depressiv sein. Auch deshalb habe ich nur einen Tag nach Roberts Suizid, trotz der schmerzhaften Trauer, der Öffentlichkeit von seinen Depressionen berichtet. Das Versteckspiel sollte für immer aufhören. Roberts Schicksal sollte sich nicht wiederholen.

Die Statistiken zeigen, dass Depressionen zu unserem Leben dazugehören wie Krebs oder Knochenbrüche: Laut einer Studie der Weltgesundheitsbehörde erkranken 11 bis 15 Prozent von uns mindestens einmal im Leben an einer Depression, egal, wo wir auf der Welt leben, egal, welcher sozialen Schicht wir angehören; unabhängig davon, wie stark, glücklich oder anerkannt wir nach unseren äußeren Maßstäben sind. Depressionen können jeden treffen, und die allermeisten Betroffenen werden geheilt, das kann nicht oft genug betont werden: Sie leben nach ihrer Genesung normal und gesund weiter.

Die Suizide in Deutschland – und die meisten Selbsttötungen werden Depressionen zugeordnet – sind zwischen 1980 und 2015 um 45 Prozent zurückgegangen. Das ist ein enormer Fortschritt, den Experten wie Dr. Karsten Henkel von der Klinik für Psychiatrie an der Universität Aachen auf „eine verbesserte Suizidprävention und psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung“ zurückführen. Diese Prävention fängt immer mit dem Reden an: mit der Aufklärung und der gesellschaftlichen Akzeptanz von seelischen Krankheiten.

Deshalb nimmt das vermeintlich so einfache und doch so schwierige Sprechen über Depressionen weiterhin einen Großteil der Arbeit der Robert-Enke-Stiftung ein. In einem unserer neuen Projekte besucht Martin Amedick die Nachwuchsleistungszentren der deutschen Bundesligavereine, um Trainer, Betreuer und Fußballspieler über seelische Krankheiten aufzuklären. Martin war Mannschaftskapitän des 1. FC Kaiserslautern, er stand mit Borussia Dortmund 2008 im DFB-Pokalfinale, er verkörpert das blühende Leben: blond, hünenhaft, ein Wikingertyp – und ihn traf mitten in seiner Fußballkarriere eine bipolare Depression. Wenn Martin von seinem eigenen Schicksal erzählt, kann man die Konzentration im vollen Saal förmlich greifen. Er schildert, wie er in der Depression nicht mehr in der Lage war, seine Sporttasche zu packen, wie er, der Kapitän, der eloquente und sympathische Redner, plötzlich stumm beim Mittagessen mit den Kollegen saß, gefangen in der Angst, als krank entdeckt zu werden. Heute ist Martin gesund wie zuvor, er studiert Psychologie – und vermittelt durch sein Reden den Trainern, Fußballern, uns allen: Geht natürlich mit Depressionen um, wenn sie euch oder einen Menschen in eurem Umkreis treffen. Denkt daran, es trifft jeden Zehnten, es ist nichts Merkwürdiges, sondern eine Krankheit, die behandelt werden muss und meistens erfolgreich behandelt werden kann.

So zeigt uns Martin Amedick den Weg: Let’s talk. Schweigen ist in Bezug auf Depressionen nicht mal Silber, sondern keine Alternative.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hatte auch eine Depression. Angefangen mit Burn-out, Job Verlust und dann habe ich mich über 1 Jahr depressiv Zuhause abgeschottet. Ich wusste auch nicht, wie ich da raus komme oder was ich tun kann um diese Lücke zu schließen. Dann habe ich eine Ausbildung zum Minigolf Trainer gemacht. Dort lernte ich, wie ich da rauskomme und was ich machen musste. Ich würde mal behaupten ich bin inzwischen Immun gegen Depression und Burnout. Das Geheimnis liegt im Fachwissen was ich vermittelt bekommen habe und steht zwischen den Zeilen der Unterlagen, die ich bei der Ausbildung in Hessen von der TU München erhalten habe. Das wichtigste bei Depresssion ist aber, das man sich nicht zurück zieht. Man muss mit seinen Mitmenschen sprechen, um eine Entwicklung die stattgefunden hat und die diese Depression auslöst versuch zu schließen oder zu ersetzen. Und das geht nur wenn man miteinander redet und sich eben nicht einfach zurückzieht und alles in sich hinein frisst. Reden,reden,reden…. das ist das Wichtigste! Thorsten Rathje

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  2. Auch ich bin eine Betroffene, mach aber seit Jahren keinen Hehl mehr daraus. Fakt ist, dass sich manche „Freunde“ zurückgezogen haben, weil ihnen mein Verhalten während dieser Episoden suspekt ist.
    Andere dagegen haben sich mir enger angeschlossen, obwohl sie vieles sicher nicht „begreifen“ können. Aber sie mögen mich trotzdem…so, wie ich bin und sie wissen auch, dass ich eigentlich ein positiver, unternehmungslustiger Mensch bin. Wenn mich nicht gerade die Depression am Wickel hat und die letzte dauerte genau 1 Jahr.
    Ich weiß, dass Leute hinter meinem Rücken abfällig und ohne Verständnis reden…..(ziemlich dumm, wie ich finde) und es gibt die große Zahl derer, die unsicher sind im Umgang mit dem Thema. Unsicher und ängstlich. Die lieber verharren, als zu fragen. Aber auf die geh ich in „guten“ Zeiten zu. Versuche, zu er- und aufzuklären….und es lohnt sich.
    Wir Betroffenen dürfen nicht nur klagen, dass uns niemand versteht. Wir müssen selbst den Weg – in guten Zeiten – auf die Anderen zumachen und zumindest versuchen aufzuklären.
    Nach dem Tod von Robert Enke hoffte ich, ein Ruck sei durch die Gesellschaft gegangen. Ist er sicher auch – nur gingen dann die meisten – Betroffenen und Nichtbetroffenen – schnell wieder in ihr altes Muster zurück.
    Frau Enke….Sie sind eine großartige Person und kämpfen unermüdlich gegen Windmühlenflügel. Ich wünschte mir, dass sie noch Viele, Viele dabei unterstützen werden! Betroffene und Nichtbetroffene !

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  3. Liebe Teresa Enke!
    Ihr Beispiel hat mir Kraft gegeben mich mit meiner Erkrankung auseinanderzusetzen. Ich versuche jetzt immer offen damit umzugehen- nach 9 Wochen stationärem Aufenthalt kann ich das- aber man bekommt auch sooft die Unsicherheit der Mitmenschen zu spüren. Danke, daß Sie sich so für ein besseres Verständnis einsetzen. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich mit Ihnen von Angesicht zu Angesicht unterhalten, Sie scheinen ein wunderbarer Mensch zu sein. Danke!
    Susann Büse

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  4. Liebe Frau Enke,

    ich bin leider auch betroffen mit dieser Diagnose zu leben. Es ist schwer in der heutigen Gesellschaft und man schaut auch ganz genau hin mit wem man darüber reden kann und wo man es am besten lässt… weil man nur kränkende Worte kassiert. Man fühlt sich oft alleine mit dieser Diagnose… bei mir kommen allerdings noch weitere Diagnosen dazu und das macht es nicht einfacher. Machen Sie weiter so eine tolle Arbeit und ihr Mann ist sehr stolz auf sie… Danke.

    LG Anja

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  5. ich habe seit 20jahren depressionen ich kämpfe aber mit der ganzen bürokratie
    schafft man es einfach nicht mehr einen therapeuten zu finden
    oder für einen klinikaufenthalt anmeldeformulare auszufüllen
    ich habe 2009 einen suizid versuch gemacht
    manch mal frage ich mich warum noch weiter machen
    ich warte seit wochen auf nachricht von der klinik

    mit freundlichen gruß k.traeger

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    • Ich kann die Burghofklinik in Bad Nauheim empfehlen.
      Du benötigst eine Einweisung vom Hausarzt, Psychiater oder Psychotherapeuten und nach einer telefonischen Anmeldung kommst du auf die Warteliste. Oft rufen sie schnell zurück und du bist innerhalb von 2 Tagen in der Klinik.
      http://Www.burghofklinik.de

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    • Liber Kirsten.ih kann die sehr verstehen…ich leide seid 5 jahre in eine schwere Depression mit Angst und panick attacken..ich habe inerhalb von 5 Jahre 4 versucht Mord hinter mir….und jedes mal danach sagte ich Gott seidank ..ich lebe…
      Das leben ist so schön…ich habe sehr schwer da ich finde kein therapeut..und nur Edikamente alleine bringt mir fast gar nicht.ich kämpf und gebe ich nicht auf.

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  6. Liebe Frau Enke,

    Sie haben die richtigen Worte getroffen. Gerade seit dem Tag des Todes von Robert Enke darf über Depressionen nicht mehr geschwiegen werden. Leider bemerke ich oft in meinem Umfeld, dass viele Mannschaft diese Krankheit nicht ernst nehmen, den Auslöser in familiären Probleme oder ähnlichem sehen. Natürlich ist das nicht so, doch leider wird oft nicht akzeptiert, dass egal wie toll das Umfeld eines Menschen die Krankheit jeden treffen kann. Depressionen dürfen nicht versteckt werden! Bitte machrn Sie mit der tollen Arbeit ihrer Stiftung weiter. Gerade im Sport wurde dadurch schon viel erreicht Und es kann noch mehr erreicht werden. Ich bewundere ihre Arbeit Und ihren Willen etwas zu verändern.

    Liebe Grüße Katharina

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  7. Pingback: TERESA ENKE: DEPRESSIONEN – LET´S TALK!      - Die Robert-Enke-Stiftung

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